Tolle Lege
Donnerstag, 18. Mai 2017
Er gehört zu mir
Donnerstag, 18. Mai 2017, 13:21
"Daß aus dem Schooße des deutschen Volkes Goethe und Schiller, Mozart und Beethoven erstanden, verführt die große Zahl der mittelmäßig begabten gar zu leicht, diese großen Geister als von Rechts wegen zu sich gehörig zu betrachten, und der Masse des Volkes mit demagogischem Behagen vorzureden, sie selbst sei Goethe und Schiller, Mozart und Beethoven. Nichts schmeichelt dem Hang zur Bequemlichkeit und Trägheit mehr, als sich eine hohe Meinung von sich selbst beigebracht zu wissen, die Meinung, als sei man ganz von selbst etwas Großes und habe sich, um es zu werden, gar keine Mühe erst zu geben. Diese Neigung ist grunddeutsch..."

Richard Wagner, zitiert nach: Claudius Seidl: Deutsch ist keine Eigenschaft, Rezension zu Dieter Borchmeyers "Was ist deutsch", in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19. März 2017, Nr. 11, S. 49.

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Dienstag, 22. Januar 2013
Es ist alles da
Dienstag, 22. Januar 2013, 11:35
Vor ein paar Jahren schrieb Heinrich Detering in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen mit geistreichen Zitaten gespickten Artikel über die Bibel. Er endete mit diesem Satz:

Eigentlich fehlt hier überhaupt nichts, ist alles da, und da ist keine Stelle, die dich nicht sieht.

Hier ist das Zitat aus Rilkes Gedicht Archaischer Torso Apollos zu erkennen. Darin beschreibt Rilke die Statue eines griechischen Gottes, von der eigentlich nur noch der Rumpf übrig ist. In diesem Gedicht scheint Rilke die ursprüngliche Größe und Wucht der Statue zu erahnen. Wobei dabei klar ist: Es ist immer noch eine Statue, sonst nichts. Rilkes Gedicht endet mit den Worten „...denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.“

Obwohl diese Statue ein Fragment ist, sieht Rilke darin mehr, als man mit bloßem Auge erkennen kann. Eigentlich komisch, dass Rilke einer Statue eine solche Kraft andichtet. Aber er war lange Sekretär bei Rodin, vielleicht hatte er da gelernt, dem Ausdruck des toten Steines oder anderen Gehölzes mehr abzulauschen als andere.

Das berühmte Schlussworte des Gedichtes zitiert Detering in seinem Artikel über die Bibel. Eigentlich ist das eine noch bessere Verwendung für Rilkes Wortschöpfung. Denn Deterings Artikel beschreibt die Bibel in ihrer literarischen Vielfalt, vor allem aber auch in ihrer einzigartigen Wirkung. Es heißt dort, sie sei eine Summe der gesamten Literatur der Menschheit, mitsamt der noch kommenden.

Auch die Bibel kommt einem manchmal vor wie ein Rumpf, ein sehr unvollkommenes Gebilde. Trotzdem enthält gerade sie immer wieder den Gedanken, dass wir es hier mit mehr zu tun haben als mit einem angestaubten alten Buch. Manche Geschichten haken sich im Gehirn fest und entfalten oft erst nach langer Zeit eine sehr merkwürdige Wirkung: Man hat plötzlich das Gefühl, gesehen, durchschaut zu werden. Da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Oder anders gesagt:

Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer
als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch,
bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein,
und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.
Hebräer 4, 12


Geistreicher Weise hat Detering den Satz "Du musst dein Leben ändern" weggelassen. Vielleicht ergibt sich das von selbst, wenn die Stellen mich sehen.

Der Kirchentag 2007 hatte übrigens das Motto "lebendig und kräftig und schärfer". Das war einfach so in den Raum gestellt, damit man es auch ja nicht in dem ursprünglichem Zusammenhang lesen konnte. In der Bibel ist es auf das Wort Gottes bezogen. Die Kirche bezog es auf sich selbst. Sehr vielsagend. Man kann sich manchmal kaum etwas weniger Scharfes und Lebendiges vorstellen als die Evangelische Kirche.

Aber wie sagte Adrian Plass so schön? "Die Toten werden zuerst auferstehen."

Jordanus

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Freitag, 11. Januar 2013
Die Stille auf dem Dachboden
Freitag, 11. Januar 2013, 17:02
Drei Kinder fangen an zu beten, nachdem sie von der tödlichen Krankheit ihres Vaters erfahren haben. Erst denkt nur eine der Töchter darüber nach, dann sagt sie es laut, und die anderen in ihrer Hilflosigkeit stimmen zu. Sie gehen gemeinsam auf den Dachboden, um die Stille zu suchen.

Wie diese Stille sie in ihren Bann zieht, sie nach endlosen Minuten des Schweigens plötzlich anfangen, in diese Stille hinein zu reden, wie sie in dieser Stille plötzlich ein mächtiges Gegenüber ahnen, spüren, dass ist eine der eindringlichsten Beschreibungen des Gebets, die ich seit langem gelesen habe. Als Leser glaubt man dieses fast unheimliche Gegenüber selbst zu ahnen.

Allein schon wegen dieser Beschreibung finde ich das Buch "Gott braucht dich nicht" von Esther Maria Magnis lesenswert. Im Untertitel nennt sie das Buch "Eine Bekehrung", aber sie kommt in diesem schonungslosen Bericht ganz ohne fromme Worte aus. Diese Schonungslosigkeit macht den Reiz dieses Buches aus. Sie schont sich nicht, und sie schont auch Gott nicht.

Es ist ein harter, innerer Kampf, von dem Esther Maria Magnis erzählt. Den Teilabdruck ihres Buches in der Zeit finde ich so witzig, dass es beinahe nicht zum Rest des Buches passt. Aber die witzige und kritische Betrachtung der äußeren Erscheinungsformen von Kirche machen ihren inneren Kampf mit dem lebendigen Gott, der aus der Stille kommt, um so glaubwürdiger.

Ich meine allerdings nicht verstanden zu haben, warum das Buch "Gott braucht dich nicht" heißt. Der Titel scheint eine Art Dialog mit atheistischen Publikationen wie "Wozu brauche ich einen Gott?". Wegen seiner schonungslosen Offenheit eignet sich das Buch tatsächlich ganz besonders für den Dialog mit Menschen, die nicht an Gott glauben. Denn das Buch lässt viele Fragen offen und bietet nicht, wie es uns so oft passiert, vorschnell irgendwelche Lösungen für die Grundprobleme menschlicher Existenz an. Trotzdem ziehen uns dabei die Stille und der Kampf in ihren Bann.

Jordanus

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