Tolle Lege
Donnerstag, 29. Mai 2008
Da ist Leben drin!
Donnerstag, 29. Mai 2008, 01:24
Wie schon gesagt, Romane werden überschätzt. Eigentlich passen sie auch gar nicht mehr in unsere Zeit. Romane erzählen meist Geschichten, die sich am Ende irgendwie sinnvoll runden und uns dadurch ein total gutes Gefühl geben. Heutzutage geht es aber doch oft eher darum, jeglichen Sinn zu zertrümmern oder zu "dekonstruieren".
Meine größten Bildungserlebnisse waren keine Romane, sondern Briefe, Tagebücher oder autobiographische Aufzeichnungen. Natürlich wird da auch oft versucht, die Sache abzurunden. Aber manchmal gelingt das einfach nicht. Und dann isses "auch ok".
Der Philologe Hans Bürki schrieb in seinem Buch "Zwischen Glaube und Skepsis":

Studierte ich systematische Werke der Philosophie und der Wissenschaft, erschien mir bald alles erklärt und erklärbar, dafür aber unwirklich, ja leer. Las ich Briefbände, Tagebücher, autobiographische Aufzeichnungen, "welch ein Leben von Nichts-Sein und Alles-Wollen" trieb mir da entgegen!

Was Hans Bürki über Werke der Philosophie und der Wissenschaft gilt, gilt vielleicht auch für Romane. Sie sind unwirklich und leer.
Ganz anders Briefe: Einmal fiel mir zum Beispiel der Briefwechsel von Tucholsky und seiner ersten Frau Mary Gerold in die Hände, die Fritz Raddatz unter dem Titel "Unser ungelebtes Leben" herausgegeben hatte. Da war Leben drin! Fürchterliches und mißlingendes Leben zwar, aber keine Fiktion. Oder Moltkes Briefe an seine Frau, herausgegeben unter dem Titel "Briefe an Freya". Am Ende fand sich ein christliches Zeugnis, wie ich es im 20. Jahrhundert bis dahin nie vermutet hätte.
In seinem letzten Brief erzählt er nämlich von der Verhandlung, die zu seinem Todesurteil führt, obwohl ihm strafrechtlich rein gar nichts nachzuweisen war. Der Brief mündet in das Lob Gottes:

Der entscheidende Satz jener Verhandlung war: "Herr Graf, eines haben das Christentum und wir Nationalsozialisten gemeinsam, und nur dies eine: wir verlangen den ganzen Menschen." Ob er sich klar war, was er damit gesagt hat?

Dann erzählt er sein ganzes Leben so, als wäre es nur darauf hinausgelaufen, in dieser Stunde vor Gericht Zeugnis abzulegen für den Auferstandenen:

Alles bekommt nachträglich einen Sinn, der verborgen war,... das alles ist endlich verständlich geworden durch eine einzige Stunde. Für diese eine Stunde hat der Herr sich alle diese Mühe gegeben.

In einem Roman hätte dies nur platt und konstruiert gewirkt. Wenn es hier auf jemanden platt und konstruiert wirken sollte, hat es schon erhebliches Gewicht zu wissen, dass Moltke später tatsächlich hingerichtet wurde, tatsächlich mit seinem Blut beglaubigt hat, was er da schrieb.

Ich höre auf, denn es ist nichts mehr zu sagen. Ich habe auch niemanden genannt, den Du grüssen und umarmen sollst; Du weisst selbst, wem meine Aufträge für Dich gelten. Alle unsere lieben Sprüche sind in meinem Herzen und in Deinem Herzen. Ich aber sage Dir zum Schluss, kraft des Schatzes, der aus mir gesprochen hat und der dies bescheidene irdene Gefäss erfüllt:

Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi
und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft
des Heiligen Geistes sei mit Euch allen. Amen.


In seiner Autobiographie schrieb der amerikanische Diplomat George Kennan, eine "so große moralische Figur" und "ein Mann mit so umfassenden und geradezu erleuchteten Ideen" wie Moltke sei ihm im Zweiten Weltkrieg auf beiden Seiten der Front nicht wieder begegnet.
Also: Lest mehr Briefe, Tagebücher, Autobiographien. Sie sind vielleicht nicht immer so rund und leicht zu lesen, aber sie sind echt!
Naja, meistens jedenfalls. Es gibt ja auch Leute, die schreiben Tagebücher oder Briefe schon in dem Bewußtsein, dass ihnen die ganze Welt über die Schulter schaut. Das ist vielleicht nicht so authentisch.

Jordanus

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